Digitale Plattformen und ERP – Teil 6: ERP-Anbieter im Wandel der Digitalen Plattformen

Bis vor wenigen Jahren steuerten Unternehmen ihre Prozesse in der Regel durch ein zentrales monolithisches ERP-System. Dabei schwankten die Vorlieben der Anwender zwischen einer Systemkopplung (Best-of-Breed) und einem vollintegrierten Gesamtsystem. Doch das Bild wandelt sich: Standardschnittstellen und offene Technologien erlauben es heute, Software und Systeme über digitale Plattformen lückenlos miteinander zu vernetzen. ERP-Hersteller sind daher gut beraten, ihre eigenen Systeme dort einzubinden. Je nach Plattform unterscheidet man dabei folgende Szenarien:

  1. Bereitstellung des ERP in der Cloud oder als Service
    Um eine ERP-Lösung in einer Cloud-Infrastruktur oder als Cloud-Service zu betreiben, müssen die entsprechenden technischen Voraussetzungen geschaffen werden. So unterstützt PaaS beispielsweise kein klassisches Dateisystem mehr. Je nach verwendeter Technologie ist eine Anpassung am bestehenden System möglich – der kleinste gemeinsame Nenner ist eine »Auslagerung« des Betriebs auf eine virtuelle Maschine innerhalb eines IaaS-Angebotes. Sind die technologischen Voraussetzungen für eine solche Anpassung überhaupt nicht gegeben, hat der ERP-Anbieter nur die Möglichkeit entweder seine Anwendungen neu zu entwickeln oder das eigene Branchen-Know-how in einer horizontalen ERP-Plattform, wie z.B. Dynamics 365 oder SAP ByD, abzubilden und auf Basis dieser Technologie neu zu entwickeln.
  2. Integration von Services aus digitalen Plattformen
    Um externe Dienste in das eigene ERP-System zu integrieren bzw. ein erfolgreiches Zusammenspiel mit einer oder mehreren digitalen Plattformen (z. B. Marktplätze, IoT-Plattform etc.) zu ermöglichen, sind Schnittstellen notwendig. Diese sollten sich jedoch relativ einfach und ohne aufwändige Programmierung erstellen und pflegen lassen. Man unterscheidet drei Arten von Schnittstellen zum ERP-System:

    • Zu den Daten: Zugriff auf Analysedaten und Datenquellen verschiedener Systeme.
    • Zwischen den Prozessen: Ziel ist es, Prozesse, die in einem ERP-System angefangen wurden, in einem anderen abzuschließen und umgekehrt (applikations- oder unternehmensübergreifend).
    • Integration auf der Benutzeroberfläche: Hier geht es um ein einheitliches Erscheinungsbild bei applikationsübergreifenden Prozessen Grundsätzlich müssen ERP-Systeme für eine Integration externer Services aus digitalen Plattformen neue technologische Standards, wie z.B. REST-Services unterstützen. Zudem sollten die Abläufe und Workflows in den ERP-Anwendungen so konzipiert sein, dass sie sich flexibel an neue Gegebenheiten anpassen lassen.
  3. Bereitstellung von ERP-Funktionen in einem bestehenden Plattformangebot
    Neben der Anbindung an digitale Plattformen kann ein ERP-Anbieter auch selbst Teil des Plattform- Angebotes werden und dort traditionelle ERP-Funktionalitäten bereitstellen.

    Dazu müssen ERP-Unternehmen ihre Anwendung modularisieren. Die vollumfänglichen ERP-Suiten müssen in Richtung einer Microservice-Architektur weiterentwickelt werden. Dazu müssen die ERP-Funktionen technologisch und lizenzrechtlich »aufgebrochen« werden. Doch der Aufwand lohnt sich. Denn durch die Integration in eine digitale Plattform bekommen Anbieter die Chance, sich wieder stärker auf die eigenen Kernkompetenzen zu konzentrieren. Zudem können sie eigene Querschnittsthemen wie IoT oder KI aus ihrem Angebot herauslösen und selbst auf Plattformservices zurückgreifen.

    Treiber dieser Entwicklung sind die Anwender. Sie entscheiden, welche Komponenten zum Einsatz kommen sollen. Und sie müssen sich auch darum kümmern, wenn beispielsweise die Reisekostenabrechnung als Service in die bestehende ERP-Landschaft integriert werden soll. Beim Anwender koexistieren dann einzelne Applikationen als Plattform-Services neben dem zentralen ERP-System im Unternehmen.

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Dr. Karsten Sontow

Über Dr. Karsten Sontow

Dr. Karsten Sontow, Jahrgang 1967, ist seit Anfang 2001 Vorstand der Trovarit AG, Aachen, wo er die Bereiche Marketing/Vertrieb, Research und Finanzen verantwortet. Der studierte Maschinenbau und Betriebswirtschaft an der RWTH Aachen und am Massachussetts Institute of Technology in Cambridge, USA. Seinen Doktortitel für Maschinenbau erwarb er an der RWTH Aachen. Dort war er sieben Jahre Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) e.V., seit 1998 als Leiter des Bereichs „Dienstleistungsorganisation“. Die Tätigkeitsschwerpunkte des gebürtigen Gronauers lagen in Forschung und Beratung zur Entwicklung und zum Management Technischer Dienstleistungen, zum Electronic Business sowie zur Auswahl und Einführung von Software-Lösungen für Instandhaltung, Service und Facility Management. Am FIR betreute Sontow die Neuentwicklung des "Aachener Marktspiegel EDV-Systeme für den Service" sowie die Neuauflage des "Aachener Marktspiegel Instandhaltungsmanagement-Systeme". Zusätzlich war er mit der Akquisition und Leitung nationaler und internationaler Forschungs- und Beratungsprojekte betraut. Im September 2000 gründete Dr. Karsten Sontow gemeinsam mit Peter Treutlein die Concit AG, die im Juli 2001 zur Trovarit AG umfirmierte.

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